Eintauchen - In eine Welt in die keine will und doch immer jemand ist
Montag, den 01. August 2011 um 15:00 Uhr

Es muss alles schnell gehen...

Immer und jeden Tag wird volle Kraft und Konzentration gefordert. Alle die hier sind, haben es entweder bewusst entschieden oder konnten gar nicht darüber entscheiden.
Die einen haben gelernt, gelernt und sich dafür entschieden.
Die anderen wurden von Eltern oder Freunden gebracht, ohne dass sie es unbedingt wollten, selbst darüber entschieden haben sie nicht.

Die einen kämpfen gegen Vorurteile, kämpfen für die Kleinen unserer Welt und bekommen auf alle Fragen die sie stellen, ein und die selbe Antwort:
„Das gehört eben einfach dazu“

… jeder weiß was er zu tun hat.
Alle Vorbereitungen sind getroffen, es kann los gehen.
Das kleine Mädchen liegt in ihrem Bett, atmet sehr schwer, bekommt fast keine Luft und spuckt Blut.
Das erste sedierende Medikament bekommt sie in die Vene gespritzt, es wirkt schnell und so wie es soll.
Sie wird kurzzeitig mit dem Ambubeutel beatmet, bis sich ihr kleiner Körper wieder „gefangen“ hat. Der Beatmungsschlauch wird durch die Nase eingeführt, er lag sofort richtig. Ihr Puls ist für wenige Sekunden unter 80 Schläge/Minute gesunken, sie hat sich aber sehr schnell wieder erholt.

Alle waren erleichtert, der kleinen Patientin so schnell helfen zu können. Erleichtert dem kleinen Mädchen die Schmerzen ein wenig zu erleichtern, sie von dem Gefühl keine Luft zu bekommen zu befreien...

Um sie medizinisch und therapeutisch besser betreuen zu können wurde ein Zentralvenöser Zugang gelegt. Alles musste Steril abgedeckt werden:
Ich reichte das Lochtuch an... die sterilen Handschuhe... das Hautdesinfektionsmittel. Dann die Nadel mit dem Katheter... der erste Piekser, der Katheter wird langsam aber sicher eingeschoben... Blut aspiriert um zu prüfen, ob er richtig liegt... alles gut, der Zentralvenöse Katheter liegt richtig, jetzt zum fixieren nur noch fest nähen.
Erleichterung macht sich breit, abschließende Arbeiten werden begonnen und schon über die weitere Therapie von dem Leid geplagten Mädchen nachgedacht.

Während dem ersten Stich mit Nadel und Faden sinkt der Puls bedrohlich tief... jetzt muss es schnell gehen:

Reanimationsbrett...Kreislaufunterstützendes Medikament(Suprarenin) spritzen... Herz-Rhythmus-Massage...

Sie muss sehr stark husten. Sie hustet und würgt den Katheter wieder hoch.
Die Lunge und Luftröhre sind gereizt und bluten stark.
Sie muss schnellstens wieder beatmet werden, der Tubus wird eingeführt. Der Arzt kann nur schwer sehen wohin überhaupt, das viele Blut.
Ich sauge ab - Blut, Blut, Blut-.
Der Tubus liegt in der Speiseröhre, alle Luft geht in den Magen.

Tubus raus, nächster Versuch.
Der Arzt versucht mit dem Ambubeutel zu beatmen, die Luft kommt wegen dem Blut nicht in die Lunge.

Nächster Versuch.
Sie hustet noch viel mehr, viel mehr Blut.
Noch schlechtere Sicht.
Trotz dem stetigen Absaugen mit dem größten Katheter ist überall nur Blut.
Der Tubus wird also „auf gut Glück“ eingeführt – er liegt richtig, die Lunge wird wieder mit Sauerstoff versorgt!

Der Sauerstoffgehalt in ihrem Blut sinkt trotzdem, die Werte werden schlechter.

Ihr Herz kann sich nicht erholen. Trotz der Herz-Rhythmus-Massage schlägt es unregelmäßig und mit langen Pausen.
Defibrillator, weitere Bange Minuten.
Ihr Herz schlägt!

Unsere kleine Patientin hat viel Blut verloren, bekommt eine Bluttransfusion.

Mittlerweile sieht das Zimmer aus wie das reinste Schlachtfeld und wir wie Metzger.

Plötzlich hört ihr Herz auf zu schlagen! Das selbe Spiel noch einmal: Herz-Rhythmus-Massage, Blutwertkontrolle, Defibrillator...

Ich habe die Spritze in der Hand, brauche nur einen Milliliter Blut.
Venöser Zugang an der rechten Hand: kein Blut.
Venöser Zugang an der linken: Hand: kein Blut.
Letzte Möglichkeit, der Zentralvenöse Zugang, der direkt vor dem Herzen liegt: kein Blut!

- Stille -

Zeitpunkt des Todes: 2.12., 19.48 Uhr

Wir waschen Karin,
befreien sie von jeglichen Schläuchen, Pflastern und dem vielen Blut,
ziehen ihr etwas schönes an und kämmen ihre schwarzen Haare.
Wir putzen ihr Bett, beziehen es frisch.
Räumen das Zimmer auf, die benutzen Geräte, Schläuche, Nadeln, Katheter.
Putzen den Boden.
Zuletzt ziehen auch wir uns um: duschen, frische Kleidung und schnell noch ein „frisches Lächeln“ aus dem Inneren gezaubert. Denn im Nachbarzimmer liegen andere Patienten, stehen andere Eltern am Bett ihres Kindes und brauchen Zusprache und Sicherheit.

Doch das schwerste kommt noch! Wir alle wurden zu medizinischen und funktionierenden Robotern ausgebildet. Fachwissen eingeprügelt, Situationen und eine passende Lösung aufgezeigt.

Aber wie man Eltern, die lange auf ihr erstes Kind warten mussten sagt, dass aus dem Routineeingriff ein Notfall geworden ist?
Wie man sagt, dass niemand wissen konnte, wie Karin´s Körper auf den Eingriff reagiert?
Wie man sagt das, ohne dem Kollegen der falsch diagnostiziert hat einen Strick zu drehen, dass bei früherer Diagnose alles hätte gut gehen können?
Wie man Eltern sagt, dass ihr Kind gestorben ist?
Hat uns niemand gesagt! Denn das gehört eben einfach dazu

Wie wir menschlichen Roboter das alles verkraften?
Woher wir menschlichen Roboter die Kraft nehmen, zum nächsten Patienten zu gehen, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass alles gut wird?
Woher wir menschlichen Roboter die Kraft nehmen, am nächsten Morgen wieder aufzustehen und so zu Arbeiten, als wenn nichts gewesen wäre?
Interessiert niemanden, denn das gehört eben einfach dazu!

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. August 2011 um 15:03 Uhr